Sind Festbrennweiten besser als Zoomobjektive?

Sind Festbrennweiten besser als Zoomobjektive?

Oft kommt die Frage auf, ob eine Festbrennweite (im englischen Prime genannt) besser ist als  ein Zoomobjektiv. In verschiedenen Foren und Blogs stimmen die meisten Antwortenden zu, dass man mit Festbrennweiten eine bessere Bildqualität erzielen kann. Doch stimmt das immer?

Meiner Meinung nach: Nein. So empfand ich die Bilder des Sigma 18-35mm ART immer als schärfer und kontrastreicher als jene vom Nikon 35mm f/1.8G. Vergleicht man aber z.B. das Nikon 24-120mm f/4 mit dem Nikon 85mm f/1.8G ist klar, wer gewinnt: die Festbrennweite.

Die Bildqualität ist jedoch nur einer von vielen Punkten, welche den Objektivzukauf und -einsatz beeinflussen sollten. Weitere Punkte sind beispielsweise: Flexibilität, Bokeh, Gewicht, Grösse und natürlich der Preis.
Folgend eine Auflistung der Vorteile pro Objektivart. Bitte beachtet, dass nicht alle Punkte auf alle Objektive der jeweiligen Art zutreffen. So wird eine 25jährige Billig-Festbrennweite  kaum die gleichen Abbildungswerte erreichen, wie ein aktuelles Top-Zoomobjektiv.

Festbrennweite

Grössere Blende (kleinere Blendenzahl)

Festbrennweiten bieten im Normalfall deutlich grössere Blenden an als Zoom-Objektive im gleichen Brennweitenbereich. Grössere Blenden bieten euch viele gestalterische Möglichkeiten, dies insbesondere in Low-Light/Available-Light Shootings, aber auch beim Freistellen von Motiven. In den letzen Jahren sind hier aber auch einzelne Zoom-Objektive mit Blendenwerten <= 2 auf den Markt gekommen (z.B. das Sigma 18-35mm f/1.8 ART)

Aktuell (26.06.2017) bietet Nikon Festbrennweiten bis 200mm mit Blenden von 2.0 oder besser, bis 400mm mit f/2,8, bis 600mm mit f/4 und bis 800mm mit f/5.6 an. (wobei beim 800mm selbst für die Sigma-Variante nahe zu 6’000 Euro anfallen). Bei den Zoom-Objektiven ist selbst das „Holy-Trinity-Set“ (14-24mm, 24-70mm und 70-200mm erst ab Blende 2.8 verfügbar, das Nikon 200-500mm mit Blende 5.6.

Bokeh

Wenn ihr mit einer grosser Blendenöffnung darauf abzielt, das Motiv freizustellen, möchtet ihr ganz bewusst einen Teil des Bildes unscharf abbilden. Das nicht jedes „Unscharf“ gleich gut ist, zeigt die Popularität des Begriff Bokeh sehr gut auf. Bokeh stammt vom japanischen Wort „Boke“ ab, welches für unscharf/verschwommen genutzt wird. In der Fotografie redet man von einem schönen Bokeh, wenn die Unschärfen fein und „ruhig“ darstellt. Ein schlechtes Bokeh hat man dann, wenn der unscharfe Hintergrund sehr unruhig oder grob wirkt. In diesem Fall wird er den Betrachter vom Hauptmotiv ablenken und die Wirkung des Bildes negativ beeinflussen.

Grösse und Gewicht

Gerade wenn es um das Verhältnis von Abbildungsleistung zu  Gewicht geht, sind Primes unschlagbar. Das Nikon AF-S 50mm, f/1.8G (FX-Kompatibel) wiegt ca. 190 Gramm, das Nikon AF-S 24-70mm, f/2.8E ED VR hingegen bringt rund 1.1kg auf die Waage. Es ist klar, dass ihr mit dem 24-70mm tolle Bilder machen könnt und auch flexibler seid, wenn es aber darum geht, die Kamera samt Objektiv während Stunden/Tagen mit euch rumzutragen, werdet ihr die rund 910 Gramm gerne mal auch mal zuhause oder zumindest im Rucksack lassen.

Dieser Unterschied kann je nach gewähltem Objektiv auch anders ausfallen. Beispielsweise verliert das Sigma 85mm f/1.4 ART mit rund 1.1kg verglichen mit dem durchaus guten Nikon 24-120mm f/4 VR mit rund  710 Gramm. (in dem Beispiel bringt das Sigma aber auch eine deutlich grössere Blende und einiges mehr an Bildqualität)

Kreativität, Lerneffekt

Entgegen einem Zoomobjektiv muss man sich mit einer Festbrennweite mehr bewegen, um zu vergleichbaren Bildern zu kommen. Kann man mit dem Zoom einfach mal ein wenig am Objektiv drehen, muss man mit der Festbrennweite auch mal einige Meter laufen um das Sichtfeld gleich zu verändern. Ist man dann bereits da, versucht man auch gleich noch eine Perspektive von etwas weiter unten, weiter links etc. Meine Erfahrung hat gezeigt, dass ich mir so mehr Zeit lasse für ein Bild und das Ergebnis daher durchdachter rüber. So hat man am Ende des Tages vermutlich weniger, dafür hochwertigere Fotos. (ganz nach dem Motto: Lieber ein tolles Bild als dutzende schlechte Schnappschüsse)

Zudem kann man sich mit der Zeit das Sichtfeld des Objektivs recht gut einprägen und beginnt mögliche Foto-Motive besser zu erkennen.

Billigeres Aussehen

„Billigeres Aussehen“ als Vorteil? Ja!

Klar, ein Nikon 24-70mm f/2.8 VR macht deutlich mehr her als ein Nikon 24mm f/2.8D, aber genau das kann ein Nachteilsein. Wenn du in ärmeren Gebieten oder in Regionen mit erhöhter Kriminalität unterwegs bist, fühlst du dich deutlich wohler mit dem günstigeren/älter anmutenden Objektiv. Genau so, wie du dich beim 1’000 Euro Occassionswagen weniger um Diebstahl/Beschädigung kümmerst als beim frisch gekauften Audi R8.

Zoomobjektiv

Flexibilität

Auch wenn man in vielen Fällen mit seiner 35mm Festbrennweite durch einige Schritte rückwärts das Sichtfeld des 24-120mm bei 24mm nachstellen kann, immer ist es nicht möglich.

Stell dir vor, du stehst damit in der Stadt, das Opernhaus vor deiner Linse und eine älteres, edel angezogenes Ehepaar bewegt sich Hand in Hand auf den Eingang zu. Du willst die Gruppe samt Opernhaus einfangen, doch oh Schreck, hinter dir ist die Wand des nächsten Gebäudes, du hast keine Möglichkeiten weiter weg zu kommen. Da bleibt nur eins: Du musst das Opernhaus „abschneiden“.

Klar, die gleiche Situation kann dir auch passieren wenn du mit dem 24-120mm unterwegs bist und eigentlich 18mm benötigen würdest. Trotzdem wirst  du mit dem Zoom flexibler reagieren können. (z.B: ganz Nah an das Paar zoomen ohne das Bild zu beschneiden und so Auflösung zu verlieren)

Schnellere Anpassung an neue Situationen

Was bereits aus der obigen Beschreibung hervorgeht, möchte ich hier nochmals aufnehmen:
Mit einem Zoom kannst du innerhalb von wenigen Sekunden oder gar Sekundenbruchteilen das Blickfeld komplett verändern. Hast du schon mal versucht innerhalb von 2-3 Sekunden dein zweites Festbrennweiten-Objektiv aus der Tasche zu nehmen, auszuwechseln und das vorherige Objektiv zu verstauen? Falls ja, haben beide Objektive die Situation überlebt? 😉

Weniger Objektivwechsel und weniger Staub/Dreck auf dem Sensor

Aufgrund dessen, dass ein Objektiv diverse Brennweiten abdeckt wirst du seltener in die Situation kommen, wo du das Objektiv wechseln willst oder gar musst. Insbesondere in staubigen Umgebungen oder gar im Sandsturm ist jeder Objektivwechsel ein Garant für Staub/Dreck auf dem Sensor.

Alternative: 2-3 Bodies mit verschiedenen Festbrennweiten. Aber seien wir ehrlich, welcher Amateur tut sich das auf längere Zeit an?

Bildstabilisator

Die kürzeren Festbrennweiten kommen, zumindest bei Nikon, ohne Bildstabilisator daher. Klar deren grössere Blende kann dir bzw. deinem Sensor mehr Licht bieten, manchmal wäre ein Bildstabilisator aber sinnvoller und/oder effizienter. Einen solchen findet man inzwischen auch schon bei den günstigeren Zooms. (wenn auch noch nicht ganz so effizient wie in den Pro-Linsen)

Weniger Objektive = einfacherer Transport + weniger Gewicht

Ein Zoomobjektiv kann diverse Festbrennweiten „ersetzen“. Nimmst du anstelle der Kombination aus 24mm + 50mm+ 85mm Prime-Linsen (in der f/1.8er Ausführung von Nikon rund 900 Gramm) das 24-120mm f/4 von Nikon mit, sparst du nicht nur ein fünftel des Gewichts ein, sonder deckst noch Zwischenbrennweiten wie 35 + 56mm ab und hast weniger Einzelstücke dabei.

Fazit

Festbrennweiten geben den Herstellern die bessere Ausgangslage, um günstig ein Objektiv bester Güte herzustellen. Der Hersteller kann sich hier auf eine Brennweite konzentrieren, es kommen weniger bewegende Elemente zum Einsatz und oft wird auch der Bildstabilisator weggelassen. Dies kann das Gewicht, die Farbwiedergabe, den Kontrast sowie die mögliche Auflösung positiv beeinflussen.

Ich denke beide Gruppen (Festbrennweiten und Zooms) haben ihre Vorteile für sich und sind in Teilgebieten der anderen Gruppe überlegen. Ich würde daher davon abraten, nur auf das eine oder das andere zu setzen.

  • Die Stärke der Zoomobjektive liegt, vor allem dank deren Flexibilität, bei der Reisefotografie. Dies gilt insbesondere bei Reisen mit weniger Foto-begeisterten Freunden.
  • Festbrennweiten eignen sich dagegen eher bei bewussten Fototouren/-projekten wo auch die Zeit vorhanden ist für ein durchdachtes/“zurechtgelaufenes“ Foto.

Als die ersten beiden Objektive empfehle ich jedem, sich ein gutes „Normal-Zoom-Objektiv“ im Bereich von ca. 24-70mm (oder mehr; auf KB gerechnet) und eine gute Festbrennweite (24/35/50 oder 85mm auf KB) anzuschaffen. Mehr Objektive können dann dazugekauft werden, wenn man sich seinen eigenen Vorlieben bewusst wird.

P.s. Bei mir persönlich ist in den Ferien immer ein Standard Zoom, z.b. das 18-105mm oder 24-120mm sowie eine Festbrennweite wie das 50mm f/1.8 dabei. (Alternativ das Sigma 18-35mm, welches ich beinahe als Festbrennweite betrachte)

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